Interview: Antworten zu Digitalkompetenzen von Dr. Alexander Eisvogel und Dr. Sebastian Gradinger

Dr. Alexander Eisvogel ist seit 2013 Präsident der BAköV. Dort wurde 2021 die Digitalakademie eingerichtet, die Dr. Sebastian Gradinger leitet. Sie hat die Aufgabe, die Digitalkompetenzen der Mitarbeiter*innen in der Bundesverwaltung zu stärken. Im Interview verraten Dr. Eisvogel und Dr. Gradinger, wie die Digitalakademie entstanden ist, welche Ziele sie verfolgt, welche Angebote sie den Verwaltungsmitarbeiter*innen bietet und wie sie sich auf Basis des Koalitionsvertrags künftig zum „Zentrum für digitale Transformation“ weiterentwickeln soll. 

Lernwelt der Digitalakademie in Berlin Kreuzberg
Lernwelt der Digitalakademie in Berlin Kreuzberg

IB: Wie hebt sich die Digitalakademie vom bisherigen Angebot der BAköV ab? Wie können die Mitarbeitenden des BMFSFJ sie nutzen?

Dr. Eisvogel: Die Digitalakademie setzt sich einerseits aus dem Programm aller Lehrgruppen der BAköV zusammen und bündelt deren Angebote mit Digitalisierungsbezug. Denn die Digitalisierung wirkt sich auf alle Themenbereiche und Kompetenzfelder aus, um die sich die einzelnen Lehrgruppen kümmern. Andererseits hebt sich die Digitalakademie aber auch durch verschiedene Besonderheiten von den sonstigen Aktivitäten der BAköV ab.

Bei der digitalen Lernwelt werden alle bereits vorhandenen Angebote der BAköV mit starkem Digitalisierungsbezug (Seminare, Webinare, Lernvideos, Lernprogramme usw.) gebündelt. 

Den Einstieg in die Themen der Digitalisierung bilden Einführungsvideos, welche die Beschäftigten für die Themen sensibilisieren und weitergehendes Interesse erzeugen sollen. Um sich über tiefergehende Lernformate zu informieren, gibt es dort Verlinkungen zum Fortbildungsportal der Bundesverwaltung IFOS-BUND und zu jeweils passenden Angeboten darin. Für viele Fortbildungsangebote soll es dort künftig Video-Teaser geben, mit deren Hilfe man z. B. die Dozierenden kennenlernen und sich in knapper Form über Lernziele und -inhalte informieren kann. Von der Webseite ausgehend wird außerdem ein Angebot von Lernpfaden (Zusammenstellungen von synchronen und asynchronen Lernmodulen) für unterschiedliche Zielgruppen (Führungskräfte, Personalentwickler*innen, Projektmanager*innen usw.) zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus dient die Webseite als Drehscheibe zu aktuellen Informationen der Bundesbehörden zu den Themen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und New Work. 

Besuchen Sie uns gerne unter www.digitalakademie.bund.de, um Ihre digitalen Kompetenzen zu fördern und weiterzuentwickeln.

Die Digitalakademie bietet zudem die neu gegründete Lernwelt in Kreuzberg, um den Beschäftigten „hautnah“ neue Arbeitsformen nahezubringen. Sie unterscheidet sich in ihrer Gestaltung grundlegend von unseren Seminarräumen. Um neue, für die digitale Transformation notwendige Arbeitsweisen erfolgreich anwenden zu können und Themen wie Innovation und Digitalisierung fassbar zu machen, stehen dort Erlebnisräume mit unterschiedlichen Funktionen zur Verfügung. Mitarbeitende müssen aus ihrem gewohnten Arbeitsumfeld herauskommen, um z. B. neue Lösungsmethoden, neue Fehlerkulturen oder notwendige digitale Fähigkeiten besser erlernen zu können und vor allem anschließend auch in ihren Alltag zu übernehmen. Hierfür bietet die Lernwelt besonders gestaltete Arbeitsräume, in denen Innovation und Kreativität gefördert und erlebbar gemacht werden. Die Nutzung der Lernwelt steht den BMFSFJ-Mitarbeitenden jederzeit offen. 

Darüber hinaus ist vor allem die Funktion zu nennen, die die Digitalakademie in ihrer Ausbaustufe wahrnehmen soll, nämlich alle Fortbildungsinitiativen anderer Stellen des Bundes mit Digitalisierungsbezug zu integrieren, damit alle Aktivitäten dieser Art an einer Stelle zusammenlaufen. Die Digitalakademie soll ein Netzwerk von Akteur*innen und Aktivitäten zur Unterstützung der Digitalisierung werden. 

IB: Wie lief der Gründungsprozess der Digitalakademie ab?

Dr. Eisvogel: Am Anfang war die Idee, und zwar eine Idee von Herrn Staatssekretär Dr. Richter, dem CIO des Bundes. Er war kaum im Amt, da rief er bei der BAköV an und fragte, was wir von der Einrichtung einer Digitalakademie als Teil der BaköV hielten. Wir haben diese Idee schnell aufgegriffen, denn wir waren mit ihm darin einig, dass die Pandemie die Notwendigkeit der Digitalisierung eindringlich vor Augen geführt, aber auch gezeigt hat, welche wichtige Rolle die Fortbildung bei der Digitalisierung spielt. Das Konzept der Digitalakademie war schnell erarbeitet und mit dem Staatssekretär abgestimmt. Er hat ihren Aufbau dann auch in sein 9-Punkte-Programm als eines der wichtigen Projekte aufgenommen, die noch in der laufenden Legislaturperiode umgesetzt werden sollten. Somit waren uns ehrgeizige zeitliche Ziele gesetzt, die wir bis heute erfolgreich umsetzen konnten.

IB: Wie ist es Ihrer Meinung nach um die Digitalkompetenzen der Mitarbeiter*innen bestellt, die in der öffentlichen Verwaltung arbeiten? Wo gibt es Nachholbedarf? Inwiefern sind positive Tendenzen erkennbar?

Dr. Gradinger: Die Umsetzung des OZG und die Digitalisierung der Bundesverwaltung gelingen nicht ohne umfassende Unterstützung durch die dienstliche Fortbildung. Es wird zu einer grundlegenden Neustrukturierung der Aufgaben, Arbeitsabläufe und Organisationsformen kommen. Die gesamte Art und Weise der Information, Kommunikation und Kooperation wird sich ändern – sowohl intern als auch extern. Daten aus unterschiedlichen Bereichen werden immer stärker miteinander vernetzt und genutzt. Neue Formen von Führung und Projektarbeit werden sich etablieren. 

Nahezu alle Beschäftigten werden sich daher neuen Herausforderungen gegenübersehen und neue Kompetenzen erwerben bzw. vorhandene aktualisieren müssen. Das gilt für alle Funktionsebenen und Altersgruppen gleichermaßen. Die damit verbundene enorme Aufgabe ist längst bei der BAköV als Anbieter für dienstliche Fortbildung angekommen. 

Einerseits müssen die Personen qualifiziert werden, die die Reformprozesse in den Behörden vorantreiben sollen (Behördenleitungen, Digitalisierungsbeauftragte, Projektmanager*innen, Führungskräfte aus den Bereichen IT, Organisation und Personalentwicklung), andererseits müssen die Mitarbeiter*innen, die von den Reformvorhaben betroffen sind, die Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die sie benötigen, um ihren neuen Arbeitsanforderungen gerecht zu werden.

Die gegenwärtige Krise mit den vielfältigen Reise- und Kontaktbeschränkungen hat eindrücklich vor Augen geführt, wie wichtig die digitalen Kommunikations- und Arbeitsmöglichkeiten für die Funktionsfähigkeit der Verwaltung sind und wie notwendig ihr weiterer Ausbau ist. Sie hat aber auch gezeigt, welcher immense Fortbildungsbedarf im Zusammenhang mit der Nutzung der digitalen Möglichkeiten besteht.

IB: Je nach Person, Position und Aufgabenbereich unterscheiden sich die vorhandenen und notwendigen Digitalkompetenzen stark. Wie ist es möglich, Angebote zu schaffen, die diese Unterschiede berücksichtigen?

Dr. Gradinger: Prof. Beth Noveck vom Digitalisierungsrat der Bundesregierung schrieb 2021 in ihrer Fallstudie über die Digitalakademie Bund, dass wir der bewährten Praxis eines hybriden Lernansatzes folgen. Wir haben zum einen eine physische Lernwelt in Kreuzberg aufgebaut zur Förderung beispielsweise von Innovationskompetenz, zum anderen bieten wir auch eine digitale Lernwelt online an mit Lernreisen zur Entwicklung der digitalen Kompetenzen: „These mix methods are intended to maximise accessibility and scalability for learning to enable a whole of-government-approach. The German digital Academy represents one of the most forward-thinking and exciting experiments in public sector upskilling.“ (Beth Noveck, 2021)

Die Grundlage und die Philosophie für unser sehr heterogenes Lernangebot ist die im September 2021 ins Leben gerufene und durch den CIO des Bundes gebilligte „Digitale Kompetenzinitiative Bund“. Die Initiative ist ein integrativer und systemischer Ansatz, um die Beschäftigten in der Bundesverwaltung zum einen zu qualifizieren und zum anderen zu vernetzen. Die „Digitale Kompetenzinitiative Bund“ besteht aus drei Säulen.

1. Digitale Kompetenzen fördern: Alle bestehenden und künftigen Angebote und Aktivitäten der BAköV mit Digitalisierungsbezug zur Unterstützung der Digitalisierung der Bundesverwaltung werden gebündelt und für unterschiedliche Positionen und Aufgabenbereiche angeboten.

Beispiel: Die Digitalakademie verstärkt die Sichtbarkeit der umfassenden BAköV-Angebote und -Aktivitäten mit den Angeboten mit Digitalisierungsbezug. Dabei erfolgt eine Konzentration auf Angebote zu „digitalen Kompetenzen“ sowie zur „digitalen Transformation“. Es werden Veranstaltungen u. a. zu folgenden Themen angeboten: Digitales Management in der öffentlichen Verwaltung, Steuerung von Digitalisierungsprozessen, Projektmanagement und Management von Großprojekten in der öffentlichen Verwaltung.

2. Kulturwandel unterstützen: Mit Fortbildungsangeboten der BAköV zu Führung, New Work und Change wird der Veränderungsprozess und Kulturwandel in den Behörden auf Grundlage einer systemischen Personalentwicklung unterstützt.

Beispiel: Digitalisierungspaten/ Transformationspaten/ digitale Peer Groups

Die Digitalakademie beabsichtigt, ein Netzwerk von Digitalisierungs-/ Transformationspaten zur Unterstützung von Digitalexpert*innen aus der Bundesverwaltung bei der methodischen Umsetzung von Digitalisierungsaktivitäten aufzubauen. Die Bildung digitaler Peer Groups soll gefördert werden, dabei werden digitale Vorreiter*innen der Bundesverwaltung in einem kollegialen Netzwerk in Kleingruppen zusammengebracht und von agilen Coaches bei der kollegialen Fallberatung begleitet und beraten.

3. Vernetzung schaffen: Beschäftigte, die im Umfeld der Digitalisierung tätig sind, werden in einer Lernwelt in Berlin, in einer modernen Umgebung in Interaktion und Vernetzung gebracht. 

Beispiel: Erarbeitung eines Fortbildungsprogramms für oberste Führungskräfte nach dem Konzept einer „Digital Journey“ (DJ) in Kooperation mit NExT

Die „Digital Journey“ bringt oberste Führungskräfte aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung an drei unterschiedlichen Lernorten in Deutschland zusammen. Ziel des Fortbildungsprogramms ist es, oberste Führungskräfte zu vernetzen und diese für das Thema digitale Transformation zu sensibilisieren (in Kooperation mit NExT).

IB: Wenn Sie eine Vision spinnen, wo wir in 5 Jahren in Sachen Digitalkompetenz in der Verwaltung stehen, wie sieht diese aus? Und welche Ideen haben Sie, wie wir dahinkommen?

Dr. Gradinger: Auf Grundlage des durch die Regierungsparteien geschlossenen Koalitionsvertrages soll die „Digitale Kompetenzinitiative Bund“ ab 2023 ausgeweitet werden. Zur Umsetzung der Vorhaben des Koalitionsvertrages sowie zur Fortsetzung und Intensivierung der begonnenen Maßnahmen der Digitalakademie Bund ist es auch beabsichtigt, die Digitalakademie zu einem „Zentrum für digitale Transformation“ auszubauen. 

In einem solchen „Zentrum“ könnten Trainingsprogramme realisiert werden, die in Werkstattformaten oder Lern- und Experimentierräumen den Führungskräften und Beschäftigten die Grundlagen für eine digitale Transformation vermitteln. Dabei sollen agile und innovative Lernangebote mit systemischen Formaten zur Vermittlung von Schlüsselkompetenzen zu Lernkreisläufen verbunden werden, die den Bedarfsbehörden wichtige Fortbildungsimpulse geben. Dieses Angebot soll durch auf individuelle Bedarfe ausgerichtete Lernpfade mit unterschiedlichen Lernformen ergänzt werden (z. B. New Learning, agiles Lernen, Lernnetzwerke, Digitalisierungscoaching und hybride Formate). Eine wesentliche Säule des „Zentrums für digitale Transformation“ wird auch die Vernetzung von Führungskräften mit Digitalisierungsaufgaben sein. Neue Austauschformate zum Thema digitale Transformation sollen für alle Bundesbediensteten entwickelt und erprobt werden.

Fortbildung ist eine extrem wichtige Säule, um die digitale Transformation in der Verwaltung zu bewältigen – und dabei geht es auch darum, den digitalen Kulturwandel in den Behörden zu fördern. Mit reiner Wissensvermittlung ist es nicht getan. Für einen erfolgreichen Wandel braucht es Kooperationen, Vernetzung von Behörden – und vor allem das Lernen von- und miteinander. Das ist unsere Vision für die Zukunft.

Kurzvita

Dr. Alexander Eisvogel, Präsident der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung 

Nach dem Abitur und Studium der Rechtswissenschaften in Bonn erfolgte 1989 die erste juristische Staatsprüfung mit anschließender Promotion zum Dr. jur. 1994 erfolgte die zweite juristische Staatsprüfung. 

Seinen beruflichen Werdegang begann Dr. Alexander Eisvogel 1994 im Bundesamt für Verfassungsschutz, wo er bis 2006 in verschiedenen Funktionen tätig war. Im Jahr 2006 wechselte er bis 2010 als Direktor in das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz.

Von 2010 bis 2013 war er Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Seit August 2013 ist er Präsident der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung.

Dr. Sebastian Gradinger, Leiter der Digitalakademie Bund der BAköV

Nach Studium und Promotion der Soziologie begann Dr. Sebastian Gradinger seinen beruflichen Werdegang bei der Drogeriemarktkette dm. Dort übernahm er nach Stationen in mehreren Ressorts Filialverantwortung. Daran schloss sich eine dreijährige internationale Tätigkeit bei Peek & Cloppenburg in Tschechien an. 2010 wechselte er in die Rudolf Wöhrl AG als Geschäftsführer der WÖHRL Akademie GmbH, bei der er sechs Jahre lang die Weiterbildungsmaßnahmen von Tausenden Beschäftigten verantwortete.

Im Rahmen der Flüchtlingsbewegung wechselte Dr. Gradinger 2016 in den öffentlichen Dienst zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Dort war er mehrere Jahre als Referatsleiter für den Aufbau des „BAMF-Qualifizierungszentrums“ verantwortlich.

Im Juni 2021 übernahm Dr. Sebastian Gradinger die Leitung der neu gegründeten Digitalakademie des Bundes der BAköV mit dem Ziel, eine Organisationseinheit aufzubauen, die die digitalen Kompetenzen in der Bundesverwaltung fördert und den digitalen Kulturwandel in den Behörden unterstützt. 

Dr. Sebastian Gradinger ist systemischer Coach und systemischer Organisationsentwickler des ISB Wiesloch.

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