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Das war die sechste Innovationswerkstatt

Bei der sechsten Innovationswerkstatt ging es um Daten und die Frage, wie sie den Alltag von Familien erleichtern können.

Wie kann der Staat durch datenbasierte Anwendungen Familien unterstützen? Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft hier einnehmen? Und welche Daten sind rund um den Bereich Familienleben eigentlich heute schon verfügbar? 

Den ersten Input gab Holger Dieterich von SOZIALHELD*INNEN e.V. 

Holger stellte drei Projekte der Sozialheld*innen vor, die auf Daten basieren. Ihr Handeln ist geprägt von der Forderung der gleichberechtigten Teilhabe für Menschen mit Behinderung.

Dahinter steckt unter anderem die Frage, wo Menschen mit eingeschränkter Mobilität ohne Probleme am sozialen Leben teilhaben können. Wo können sie beispielsweise barrierefrei ein Café besuchen oder die Bahn nutzen? Solche Fragen und Herausforderungen lassen sich durch die Sammlung, Aufbereitung und Veröffentlichung von (Zugangs-) Daten lösen. Übergeordnetes Ziel ist es zudem, durch die Sammlung von Daten, die für viele Menschen oft nur eingeschränkt mögliche Teilhabe am öffentlichen und sozialen Leben sichtbarer zu machen. Weiterhin sollen die Aktivismus-Initiativen, die dies thematisieren, gestärkt werden.

Zu den Sozialheld*innen-Projekten gehört bspw. die Plattform wheelmap.org. Auf einer offenen Karte werden hier durch Crowdsourcing – also durch ein gemeinsames Sammeln von Daten durch viele Menschen – Orte markiert und mit Informationen sowie Fotos versehen, die für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich sind. Die Wheelmap konnte durch das Engagement der vielen Datensammler*innen bis heute eine Million Orte identifizieren.

Eine zweite Methode, Daten zu nutzen, ist für die Sozialheld*innen die Vereinbarung von Daten-Partnerschaften. Durch das gemeinsame Sammeln und Teilen von Daten mit heute 79 (nicht-)kommerziellen Partner*innen in der Accessibility.Cloud konnte die Wheelmap nochmals um eine Million Orte erweitert werden. 

Die dritte Methode, die Holger vorstellte, ist das Schaffen von Daten durch Maschinen. Als Mitgründer Raul Krauthausen eines Nachts mit seinem elektrischen Rollstuhl vor einem kaputten Aufzug auf einem U-Bahn-Bahnsteig strandete, wurde den Sozialheld*innen klar: Daten zu sammeln reicht manchmal nicht aus. Daten müssen auch geschaffen werden. Aus dieser Erkenntnis entstand ein Förderprojekt, bei dem Sensoren an Aufzügen angebracht werden. Sie geben Auskunft, ob Aufzüge funktionieren oder nicht. So werden die Daten, ob ein Aufzug an einem Ort verfügbar ist um die Echtzeit-Information erweitert, ob der Aufzug auch funktioniert. 

Zum Schluss fasste Holger zusammen: „Daten müssen gesammelt, für alle geteilt und standardisiert werden, damit sie einen Mehrwert für die Menschen haben. So wird das Wissen, was (nicht) barrierefrei ist, in der Gesellschaft omnipräsent und eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht.“ 

Im zweiten Teil stellte Luise Springer vom Deutschen Roten Kreuz das Projekt Eltern Campus vor. Das Projekt ist eine Online Plattform, die jungen Eltern über die Teilnahme an Live-Kursen nicht nur Wissen zu Themen wie „Babyernährung und Beikost“, „Erste Hilfe am Kind“ oder „Familienstart: Baby & ich von A-Z“ vermittelt, sondern auch Raum für Rückfragen an die zertifizierten Kursleiter*innen bietet.

Damit führt Eltern Campus akut von der Pandemielage betroffene jungen Familien in Zeiten von Social Distancing zusammen und schafft eine zentrale Plattform für die Buchung und virtuelle Durchführung von Kursen. Daten spielen hier vor allem für die Optimierung des Kursangebots eine Rolle. Was brauchen die Eltern? Wann haben sie Zeit? Welche Hindernisse gibt es für sie, nicht an Kursen teilzunehmen? Dies alles kann erfasst und das Kursprogramm entsprechend gestaltet werden. Es scheint sich bereits abzuzeichnen, dass das digitale Live-Programm nicht nur in Zeiten der Pandemie auf große Nachfrage stoßen wird. Schon nach der ersten Phase zeichnete sich ab, dass die bisherigen physischen Angebote zum Teil Menschen ausgeschlossen hatten, die nun einfacher teilnehmen konnten. 

Im Anschluss diskutierten die 30 bunt gemischten Teilnehmer*innen in Break Out Sessions über Fragen wie: „Was sind die Hindernisse der Nutzung von Daten im Familienbereich? Und wie könnte man diesen konkret begegnen?“ 

Die Learnings aus der Veranstaltung:

Learning1: Einerseits gehen wir mit unseren Daten viel zu oft viel zu sorglos um, andererseits fehlen aber auch Alternativen (wie beispielsweise eine alternative Cloud-Infrastruktur) für einen verantwortungsvolleren Umgang. Das hat besonders auch das Jahr 2020 gezeigt, in dem viele Freizeitangebote mit der Herausgabe zusätzlicher Daten verbunden wurden (etwa Freibad- oder Restaurantbesuche). Anhand wissenschaftlicher Studien könnte hier angesetzt werden, um genauer zu untersuchen, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit ihren Daten umgehen und inwiefern sich ihr Verhalten im Alltag dadurch verändert. 

Learning 2: Daten spielen für unsere Gesellschaft eine immer größere Rolle – für ökonomische Wertschöpfung, wissenschaftlich-technische Entwicklung oder die Unterstützung von evidenzbasierten Entscheidungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Eine strategische, bedarfsorientierte und inklusive Weichenstellung in Bezug auf Daten kann von zentraler Bedeutung für das Familien- und Gemeinwohl sein.

Learning 3: Ein vorsichtiger Umgang, eine zielgerichtete Vorgehensweise und Transparenz bei der Sammlung von Daten sind wichtige Punkte, wenn es darum geht, Skeptiker*innen von den damit verbundenen Vorteilen zu überzeugen. Dies gilt insbesondere, wenn es sich um sehr sensible Daten handelt. 

Die Innovationswerkstatt endete mit den abschließenden Worten von Friederike Schubart aus dem BMFSFJ: Sie wies auf die gerade entstehende Datenstrategie des BMFSFJ hin und betonte dabei besonders die Rolle des dritten Sektors. Diese wird auf dem Weg zu datenbasierten, gemeinwohlorientierten Innovationen immer wichtiger.